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Tagung des Europäischen Forums Christlicher LGBT
Gruppen EF in Gdansk (Danzig) 24.-28. Mai 2017

Die Sonne hat auf uns geschienen – anders kann ich fünf intensive, berührende und wunderbare Tage nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Gleichzeitig und ineinander verwoben fanden die Konferenz des Europäischen Forums und die Woche der Gdansk Equality (Gleichstellung, Ebenbürtigkeit) samt dem Umzug statt. Ein grosses Dankeschön an die Mitglieder von Wiara i Tęcza (Glaube und Regenbogen, die polnische Mitgliedsgruppe des EF), Tolerado (lgbt-Organisation in Gdansk) und die Stadt Gdansk.

Frauenvorkonferenz
Vier Sekretärinnen des EF (seit 2003): Ineke Lautenbach, Susan Murphy, Heleen de Boer und Irène Schwyn, © European Forum Es ist immer wieder toll, mit dreissig bis vierzig Frauen aus ganz Europa zusammen zu sein. Hauptthema war dieses Jahr Frauen in Führungspositionen, und das wird uns weiter beschäftigen, denn Frauen sind auf verschiedenen Ebenen des EF untervertreten und gute Kandidatinnen sind nicht einfach zu finden. Ich bin froh, dass Ineke Lautenbach aus den Niederlanden als meine Nachfolgerin im Vorstand kandidierte und auch gewählt wurde. Das Thema der adäquaten Repräsentanz der diversen Geschlechter wird uns weiter beschäftigen.

Vorwärts in Solidarität
So lautete das Motto der Tagung. Das Konferenzhotel war ganz nahe bei der ehemaligen Werft, in der 1981 die Streiks ausbrachen, welche die Gewerkschaft Solidarnośċ in der ganzen Welt bekannt machten – von meinen Zimmer aus konnte ich das Tor sehen, an dem die Streikenden postiert waren. Heute steht ein Museum, Kultur- und Konferenzzentrum auf dem Gelände der Werft. Teile des Programms fanden dort statt, darunter auch ein Film über Ewa Hołuska, eine ehemalige Anführerin der Solidarnośċ -Untergrundbewegung. Sie ist heute Mitglied von Wiara i Tęcza, und nahm an der ganzen Tagung teil. Sie darüber sprechen zu hören, wie ihr Glaube ihr in der Haft geholfen hat, war sehr bewegend. Allerdings: wer sie in zeitgenössischen Dokumenten über die Solidarnośċ sucht, wird vermutlich nicht fündig. Bei ihrer Geburt wurde sie als Junge identifiziert, und historische Dokumente beziehen sich auf den ihr zugeteilten männlichen Namen. Durch den Film über sie und Gespräche mit ihr und anderen polnischen Tagungsteilnehmenden lernte ich viel darüber, wie sehr die Geschichte von Solidarnośċ auch die Geschichte von lgbt Menschen ist – und wie schwierig es ist mitzuerleben, wie ehemalige Kampfgefährten homo- und transphobe Parolen rufen.
Ewa Hołuska, © European Forum
Am Tag nach dem Film sass ich selbst auf der Bühne des grossen Saals, als Teilnehmerin an einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von Marta Abramowicz, mit Wielie Elhorst, dem Co-Präsidenten des EF, Yuri Guaiana von ILGA Europa, dessen Präsenz an der Tagung für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Organisationen wichtig ist, und Paweł Dobrowolski, einem der Initianten der polnischen Kampagne „Zeichen des Friedens“, die von religiösen und säkularen lgbt Organisationen und progressiven christlichen Gruppierungen getragen wird, und in Polen enorm viel ausgelöst hat. Ein Zeichen des Friedens, Element jeder Eucharistiefeier, und ein Ausdruck der Wahrnehmung, dass das Gegenüber Mensch und ChristIn ist, als Grundlage der Begegnung.

Equality March
Zu meiner Überraschung kam der stellvertretende Bürgermeister von Gdansk Piotr Kowalczuk schon zur Eröffnung der EF-Tagung und sprach eine Grussbotschaft, und er war auch bei der Podiumsdiskussion anwesend. Noch bedeutender: der Bürgermeister von Gdansk, Paweł Adamowicz, der von rund einem Jahrzehnt die Durchführung einer Pride-Parade noch abgelehnt hatte, eröffnete dieses Jahr den Marsch für Gleichstellung höchstpersönlich.
Die Organisation des Marsches war eine Herausforderung, da eine fanatisch homophobe Parlamentarierin rund 50 Gegendemonstrationen anmeldete, welche die ursprüngliche Route blockierten. Am Schluss nahmen an den Gegendemonstrationen zusammengezählt weniger als hundert Personen teil, gegenüber 3000-5000 TeilnehmerInnen des Equality March. Ein riesiges Polizeiaufgebot trennte die beiden Gruppen. Sowohl die Polizei wie die Bevölkerung haben mich enorm beeindruckt. Als PolizistIn stundenlang in Krawallmontur in der heissen Sonne herumrennen und dann noch einen Dank mit „gern geschehen“ zu quittieren ist alles andere als selbstverständlich. Und wenn ich in der Schweiz ein solches Polizeiaufgebot sähe, würde ich einen grossen Bogen machen. Viele GdanskerInnen lächelten und winkten, und ich habe beobachtet, wie ein Kind in Kindergartenalter von Vater und Mutter wegrannte, durch den Polizeikordon hindurch, eine kleine Regenbogenflagge behändigte und strahlend zurück zu den Eltern ging. Die Eltern lächelten und zogen samt Kind und Regenbogenflagge ihres Weges, an den Gegendemonstranten vorbei.

Gottesdienste
Die Morgengebete fanden in der altkatholischen Kirche statt, am Sonntagmorgen war dort aber Gemeindegottesdienst, und in einer anderen Kirche war gerade Erstkommunion, daher fand der Sonntagsgottesdienst in der Philharmonie statt. Die spezielle Atmosphäre dieser Gottesdienste zu beschreiben ist mir unmöglich – das muss frau erlebt haben. Dass eine der durch den Gottesdienst führenden Pfarrerinnen gleichzeitig noch ihren Sohn stillte, passte wunderbar.

Wichtige Themen
Diverse Aufgaben und Fragen haben das EF beschäftigt und werden auch zu Zukunft ein Thema sein.  Die Frage der Geschlechterbalance habe ich bereits erwähnt. Ausserdem ist das Verlassen einer binären Geschlechterdefinition ein Weg, der erst begonnen hat. Dazu gehört auch die Frage nach dem Platz des T in LGBT, an der das EF schon einige Jahre arbeitet. An dieser Delegiertenversammlung tauchte nun auch die Frage nach dem B pointiert auf.
 Im kirchlichen Umfeld sind drei Arbeitsgruppen des EF aktiv, die langjährigste davon konzentriert sich auf den Ökumenischen Rat der Kirchen, eine zweite auf die römisch-katholische Kirche, und die jüngste auf die orthodoxen Kirchen.
 Ein relativ neuer, aber wichtiger Fokus ist das Entwickeln einer Gegenstrategie zur Anti-Gender Bewegung, einer international aktiven neo-konservativen Denkund Politströmung, die in Zentraleuropa bedrohlich viel Einfluss gewonnen hat, sich aber auch in der Schweiz z.B. mit der zum Glück verworfenen Ehedefinition bemerkbar gemacht hat, die in eine Steuergesetzvorlage geschmuggelt wurde.
 Auf der politischen Bühne hat das EF seit letztem Jahr den Status einer Internationalen Nichtregierungsorganisation und damit Zugang zum Parlamentsbetrieb des Europarates. Die eigentliche Vernetzungs- und Lobbyarbeit beginnt damit erst.
 Das alles kostet Geld. Bisher ist das EF von wenigen staatlichen und privaten Geldgebern abhängig. Fundraising und Diversifizierung sind dringend. Das EF wird in naher Zukunft einen Teil der damit zusammenhängenden Arbeit gegen Bezahlung vergeben können, aber es braucht mehr. Interessierte, die Zeit und Fachwissen zur Verfügung zu stellen bereit sind, werden dringend gesucht.
 Logo: Bald wird das EF ein neues Logo erhalten. Das genaue Aussehen muss noch definitiv geklärt werden, es wird sich aber an das Logo der Tagung in Gdansk anlehnen.

Die nächste Tagung findet vom
9.-13. Mai 2018 in der Nähe von
Rom statt.



Für diesen Bericht:
Irène Schwyn