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Osteuropa-Treffen des Forums 2011



St. Petersburg, 16.-19. September 2011

Menschen aus Osteuropa sind mit ganz anderen Fragen konfrontiert, wenn sie lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind, als wir hier in Westeuropa. An den gesamteuropäischen Forums-Konferenzen bleibt oft wenig Raum für diese spezifischen Themen. Ausserdem führen Sprachbarrieren und Geldfragen dazu, dass längst nicht alle Interessierten dort anwesend sein können. Daher finden seit einiger Zeit jährliche Osteuropa-Treffen statt. Dort ist Russisch Haupt-Konferenzsprache (mit englischer Übersetzung nach Bedarf). Da ich mich seit längerem frage, ob und wie ich etwas beitragen kann zur Lösung der grossen Probleme, entschloss ich mich recht kurzfristig, als eine von fünf „WestlerInnen“ nach St. Petersburg zu reisen und an der Konferenz teilzunehmen, um einen tieferen Einblick zu erhalten.

Rund um die Tagung
Die Unterschiede wurden schon vor der Abreise deutlich: Der Tagungsort wurde aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Die meisten Teilnehmenden übernachteten in einer Herberge, diese stellte aber die für das Visum nötige Bestätigung nicht aus. So buchte ich ein Zimmer in einem Hotel in der Innenstadt.

Kurz vor der Abreise erhielt ich schliesslich den Namen des Tagungsorts – das grösste Hotel in St. Petersburg. Als ich dort ankam, holte mich einer der Organisatoren in der Lobby ab und führte mich zum Tagungsraum, der von zwei Männern eines privaten Sicherheitsdienstes bewacht wurde. Es hätte bereits einen Versuch gegeben, die Tagung zu stören, leider sei der Tagungsort irgendwie durchgesickert. Das grosse Medieninteresse im Vorfeld sei zwar positiv, hätte aber auch seine Folgen. Es sollte nicht die letzte Störung bleiben, am zweiten Tag des Treffens klopfte es plötzlich an der Tür, der Sicherheitsdienst bat uns, hinunter in die Lobby zu gehen. Schliesslich kam die vom Sicherheitsdienst alarmierte Polizei und räumte das Hotel – jemand hatte telefonisch mit einer Bombe gedroht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Kaffee, Gesprächen und Bewegungsspielen. Dennoch: das Wissen, dass die Polizei nicht wegen uns, sondern vor allem wegen all den anderen Leuten im Hotel da war, hinterlässt einen schalen Geschmack im Mund. Auch sonst war ich zum ersten Mal mit solchen Gegensätzen konfrontiert: spätnachts eine halbe Stunde allein zu Fuss zu meinem Hotel zurückzugehen, war kein Problem, aber am Tagungsort war die unterschwellige Spannung stets da.

Aber nun zum Treffen selbst:
Die erste Überraschung war die konfessionelle Zusammensetzung der Teilnehmenden: neben der grossen Zahl orthodoxer ChristInnen waren für mich unerwartet viele andere Konfessionen vertreten: Lutheranerinnen, diverse Vertreter von Kirchen US-amerikanischer Herkunft, aber auch ehemalige Mitglieder von Gruppierungen, die sich auf spezielle Offenbarungen berufen, wie die Zeugen Jehovas oder die Mormonen.

Glauben zu leben, zu pflegen und zu feiern war ein wichtiges Themen der Tagung. So gab es Workshops zur Gestaltung von ökumenischen Gottesdiensten, zur Frage, wie eine altkirchlich-orthodoxe Freundschafts-Liturgie für schwule Paare aktualisiert wird, und ob sie auch für Frauenpaare angepasst werden kann, aber auch zu einem neuen Blick auf Ikonen. Ein Workshop, nämlich der zu Seelsorge und Beratung, leitet mich gleich zu einer wichtigen Erkenntnis: wie vieles von dem, was wir in Westeuropa als allgemein bekannt voraussetzen, in Osteuropa schlicht nicht vorhanden ist. Ganz abstrakt habe ich zwar einiges gewusst, was es aber konkret bedeutet, kann ich erst jetzt leise erahnen. Unter der kommunistischen Herrschaft ist die theologische Diskussion in Osteuropa weitgehend stehengeblieben, die alteingesessenen Kirchen verkapselten sich und verharrten auf konservativen Positionen des späten 19. Jahrhunderts. Die Diskussion der Kirchen zu Menschenrechtsfragen, Ökologie und anderen gesellschaftlich wichtigen Themen ist weitgehend an ihnen vorbei gegangen. Dazu kommt, dass Frauen und sexuelle Minoritäten von vielen theologischen Ausbildungsstätten ausgeschlossen sind. Was an Wissen vorhanden ist, haben sich die Menschen oft selbst erarbeitet. Die Referate zum Umgang mit den „Hammer“-Bibelstellen und zur Queer Theology einer Referentin der MCC aus dem Westen stiessen auf grosses Interesse, machten aber auch deutlich, wie wenig davon im russischen Sprachraum zugänglich ist. Auch Fragen der Erwachsenenbildung werden bei uns seit Jahrzehnten diskutiert und bei vielen Leuten in Westeuropa kann man ein Grundwissen zu Strukturierung und Diskussionsleitung voraussetzen. Von Selbsthilfegruppen haben wir einiges gelernt zum konstruktiven Umgang miteinander. Mir ist erst in St. Petersburg aufgefallen, wie viel davon ich voraussetze.

Wer all das Berichtete zusammennimmt, wird sich nicht wundern, dass auch der Workshop zu Burnout unter AktivistInnen auf grosses Interesse stiess. Abschliessen möchte ich meinem Bericht mit einem grossen Kompliment für alle Teilnehmenden und für unsere ausdauernden Übersetzenden im Besonderen: Es hat mich tief berührt, mit wie viel Geduld alle Anwesenden immer wieder warteten, bis unsere Wortbeiträge übersetzt waren, und wie viele Teilnehmende oft stundenlang alles gesagte für uns ins Englische (oder allenfalls ins Italienische) übersetzten. Ein besonderes Dankeschön gilt einer jungen Frau aus Moskau, die erst an der Tagung offenbarte, dass sie Englisch spricht und Dolmetscherin werden möchte. Ich bin überzeugt, sie wird das erreichen.


Irène



Bilder: 1. Blick über die Newa, 2. Jakobs Traum, Mosaik in der Erlöserkirche, 3. Kerze, Ikone und
Regenbogenflagge im Tagungsraum, 4. Blick auf und durch die Ikonostase der Erlöserkirche.